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Sava Stepanov, Galerist im “Zlatno oko” Novi Sad, Serbien:
Über die Malerei universeller Botschaften von Johanna Schuster, 2009

Die expressionistische Reaktion in der Malerei kann im gegenwärtigen Moment in der Tat eine adäquate Antwort auf Impulse aus der Welt zur Zeit dieser noch immer aktuellen Jahrhundertwende sein. Eine langandauernde (zwei Dezennien!) und transformierende Krise der serbischen Gesellschaft hat ihre Regeln auferlegt und die vitalsten Punkte des täglichen Lebens bedroht. Ins Ambiente dieser und solcher Krisen gliedert sich Johanna Schuster im Jahr 2000 ein, als sie aus Wien nach Serbien kommt, und eine Tätigkeit als Lektorin für Deutsch an der Philosophischen Fakultät in Novi Sad annimmt. Bald schreibt sie sich an der novosader Kunstakademie ein, und dort, in der Klasse des angesehenen Malers und Professors Milan Blanuša, diplomiert sie 2008. Im gleichen Jahr ist sie unter den Ausstellenden der grossen Ausstellung "Kunst in der Vojvodina: Malerei", in der ihre spezifischen figurativen Bilder besonders bemerkt werden. Auf dieser erwähnten Ausstellung stellt sich diese Malerin mit einem Bild seltsamer Ikonografie vor- menschliche, tierische und mythische Figuren, ohne festen und sicheren Boden, untereinander verflochten, schweben im Raum und der Weite des Bildes... es ist offensichtlich, die junge Malerin hat das Ambiente und die Atmosphäre der postmodernen und postkommunistischen Gesellschaft gut "gefühlt". Auf eine metaphorische Art und Weise, durch einen Expressionismus des Inhalts und der Form, hat Johanna Schuster eine kritische Note einer Gesellschaft gegeben, in der die Grenzen der Realität verloren sind, alle Kriterien erschüttert, mythische Themen und Wahrheiten aufgedrängt... Im aktuellen Augenblick und in dieser Ausstellung bietet die Malerei von Johanna Schuster neue konzeptionelle, inhaltliche und plastische Impulse. Ungewöhnliche Themen aus der Vergangenheit- Zweikampf, Kämpfe, Reiter inmitten Schlachten, mittelalterliche Krieger, Mörder und Opfer- sind wieder das metaphorische Potential, mit dem die Künstlerin Beziehungen in der Krisengesellschaft illustriert und betrachtet. Die expressionistische Art der Malerei, das Eruptive und die Schärfe ihres künstlerischen Schwungs tragen dazu bei, dass die motivischen Gefüge erregende Umrisse bekommen. Wahrscheinlich getragen von der Atmosphäre und dem Geist der Umgebung, in der sie seit ihrer Ankunft aus Österreich im Jahr 2000 lebt, ergreift Johanna historische Themen universeller Bedeutung und inhaltlichen Potentials. Alle diese kompromisslosen Kämpfer auf Johannas Bildern, Sieger und Besiegte, sind Teil eines Systems gefährlichen Lebens und unbarmherziger Kampf ist deren primäre Existenzweise... In den neuen Bildern besteht Johanna auf den Vorrang linearer Gestualität. Die Malerin definiert mit einer "schweren" Umrisslinie und einem suggestiven Gestus das Motiv. Die koloristische Bandbeite der Bilder ist reduziert, zurückgeführt auf zwei- drei gut abgewogene und funktionell plazierte Farbflecken. Dabei hat in diesen zeichnerischen Bildern auch die Weisse der Leinwand eine funktionale Bedeutung, genau wie auch diskrete Angaben (geschriebene Texte, Zahlen...), mit denen sich das inhaltliche Potential füllt und "beladet". In diesen Anmerkungen auf Deutsch aktualisieren sich epische Mythen, philosophiert sich Geschichte, erscheint die ruhmvolle Vergangenheit und die Bedeutung grosser Schlachten... Nun, der grundlegende Eindruck, der in diesen Bildern von Johanna Schuster verwirklicht ist, ist in jedem Fall wirkliche Expressivität, unbarmherzige Gestualität sowie erregende und wirksame Energie, die auf die Bilder einwirkt. Das künstlerische Bekenntnis ist, dank einer komplexen bildnerischen Aktion, in der intellektuale, psychologische und physische Potentiale der Künstlerin synthetisiert sind, geführt zu einem komplexen Expressionismus, dem wirklich zu glauben nötig ist. Umso mehr, weil Johanna Schuster diese bildnerische Schöpfung auf eine bildnerisch souveräne Art realisiert- alles ist organisiert auf den Vorrang der gestalterischen Elemente hin (Linie, Farbe, Valeur, Rhythmus, Komposition), umso mehr, dem versierten Betrachter ist in vielen dieser Bilder, unabhängig von der ganzen Drastizität des expressionistischen Verfahrens, eine Erinnerung möglich an einige grosse und bedeutende bildnerische Kompositionen aus der Kunstgeschichte- wie Dürers Reiter der Apokalypse, Rubens Entführung der Europa, oder an Servantes universale donquihotsche Bemerkungen... solche visuell- inhaltliche Assoziationen geben dieser Malerei einen starken intellektualen Beiklang, der das Erlebnis des Betrachters anleitet in einem wirklich spezifischen, umfangreichen aber auch gänzlich seriösen Nachdenken über die Bilder und ihren Sinn. Das malerische Werk von Johanna Schuster stellt eine Besonderheit im aktuellen künstlerischen Geschehen bei uns dar. Mit seinen thematischen und expressionistischen Karakteristiken ist es gleichwohl der Vergangenheit zugewendet wie auch in der Gegenwart wirkend. Diese Malerei ist auf eine spezifische Weise engagiert. Alle ausgewählten Themen und alle gemalten Motive, obwohl sie der Herkunft nach der gesamten Kultur und Kunst Europas zugehören, sind auch anwendbar und angemessen im aktuellen Augenblick... Denn, die Bilder von Johanna Schuster, mit ihrer authentischen Pikturalität, erreichen universale Bedeutungen und Botschaften. Deswegen ist mit Ungeduld auf neue Resultate aus ihrer künstlerischen Werkstatt zu warten.


Milan Blanuša, Künstler und Professor an der Kunstakademie Novi Sad, Serbien:
Eröffnungsrede zur Ausstellung in Kragujevac, gehalten am 24.3.10:

Johanna Schuster ist gegenwärtig im Masterstudium an der Kunstakademie in Novi Sad. Diese Bilder vor uns sind eine Auswahl aus dem Thema „Mythologie epischer Poesie in der Malerei“ und schon allein damit stellen sie eine konkrete Verortung figurativen Inhalts dar, die auf die historische Tradition in der europäischen Kunst hinweist. In zeitlosen mythischen Geschichten und Träumen vermischt die Künstlerin persönliche Erfahrung, bezogen auf die Mythologie des Landes aus dem sie herkommt, mit neuen Erfahrungen im Land, in dem sie sich ausgebildet hat, mit seiner Tradition und damaligen historischen Ereignissen in Geschichten über Geburt, Leidenschaft und Tod, über menschliche Schicksale überhaupt, und gibt ihnen so ihren persönlichen Stempel und ihre persönliche Sicht, durch eine originelle künstlerische Form. Diese Malerei, expressiv in der Art, in der die Figur dargestellt wird, und wiederum, konkretem Tiefenraum entledigt, als ob sie zum Ziel hat, uns auf einer Ebene die ganze Beherztheit des zeichnerischen und malerischen Strichs vorzustellen, macht auf diese Weise deutlich, was das Allerwichtigste in der szenischen Auswahl ist: wer sind diese Figuren, welche sind ihre Aktionen, Handlungen, worüber sprechen sie oder sprechen sie nicht. Natürlich, der Ausgangspunkt von Johanna Schuster ist die mittelalterliche serbische epische Poesie, die auf gewisse Weise eine Parallele zum deutschen „Niebelungenlied“ ist, das über das Scheitern einer königlichen Familie berichtet. Aber das, was die Künstlerin interessiert, oder inspiriert, ist nicht ein historischer Ep als nationale Identität, sondern Poesie allein für sich. Die Geschichte als Geschichte, Situationen als „Bilder“ in der Geschichte, wie die Künstlerin selbst sagt. Auf der Ebene der Form charakterisiert diese Malerei vor allem einen starken zeichnerischen Zugriff, der auch Hauptelement der Bilder ist. Die Farbe ist monochrom, vor allem Weiss, Grau, mit Beimischungen von Dunkelbraun und Umbra, die die vitalsten Stellen bestimmen. Der Hintergrund, oder die Unterlage hinter den Figuren, machen strukturierte Oberflächen aus (am öftesten Buchstaben, Schachfelder oder einfach, parallele Linien), die durch ihre Neutralität zum Ausdruck der Hauptszene auf dem Bild beitragen. Und zum Schluss denke ich, dass uns Johanna schön erklärt: „In meiner Malerei bedeuten ein mythologisches Ereignis Figuren und ihre Handlungen in Raum und Zeit. Helden, Leute, Tiere und phantastische Wesen sind aus dem Kopf geschaffen, ohne Modell: sie müssen nicht exakt sein. Hier handelt es sich nicht um die Nachahmung von Natur, sondern um den Ausdruck von Einbildungskraft und Spontaneität. Da sind Details nicht wichtig, sondern der spontane Ausdruck im Ganzen.“

Gießener Anzeiger
Do, 12.12.13
TRAFO “Eigentlich alles Experimente” von Johanna Schuster / Kontrastreicher Lebenslauf
GIESSEN - (hsc). “Eigentlich alles Experimente” hat Johanna Schuster ihre Ausstellung im Verein Trafo genannt. In ihren Werken geht es um Arbeiter in Niedriglohn, eine chinesische Familie und Dante im Fegefeuer. Ziemlich kontrastreich, doch der Gesamteindruck war kraftvoll und substanziell. Johanna Schuster, 1966 geboren in Wien, wuchs in Süddeutschland auf. Sie promovierte in Wien in Soziologie und arbeitete zehn Jahre in Serbien, wo sie an der philologischen Fakultät der Uni Belgrad Lektorin für Deutsch war. Ihr Malereistudium an der Universität Novi Sad schloss sie mit Diplom und Master ab. Anderthalb Jahre lehrte sie an der Bergbauuniversität Xuzhou Deutsch und Kunst, seit 2012 studiert sie in Giessen Kunstpädagogik. Schuster hatte 12 Einzel- und 14 Gruppenausstellungen in Serbien, Berlin und China; sie lebt in Giessen. Ein kontrastreicher Lebenslauf, und die gezeigten Werke spiegeln die Aufenthalte in verschiedenen Welten teilweise recht deutlich wider. Im Zentrum stand eine Gruppe von Tonfiguren, die “Arbeiterfamilie”, zwischen den Figuren waren Geldscheine verstreut, unter anderem chinesisches. Die Vierergruppe, nach einem spontanen Foto erarbeitet, wirkt verblüffend lebendig und trotz gewisser Stilisierungen sehr realistisch. Dennoch ist die Gruppe in ihrer Körperhaltung ganz ausgeglichen; eine runde Komposition. Zudem sah man groe Acrylbilder (auf ausgedienten Hotelbettlaken) einer Arbeiterin im Putzbereich, die Schuster ”Rosi “ nennt. Sie lächelt dem Betrachter zu, obgleich Schuster Textelemente wie “Miete, Strom, Essen” einblendet, um auch hier die Härte des Jobs zu betonen. Die Arbeiten wirken wie realistische Comics. Auch in einer Reihe kleinerer “Monatsbilder” ist die Arbeit Thema, während einige Tonköpfe (“Siddharta-Erleuchtung“) der ganzen Sache geduldig zuschauten. In einer langen Reihe mittelformatiger Arbeiten (“Dante in Hölle”) reflektiert Schuster “die Hölle jedes einzelnen” in ziemlich finsteren, aber anschaulichen Darstellungen voller expressiver Energie. Überhaupt liegen für die Künstlerin Broterwerb und Hölle relativ dicht beieinander; allerdings zeigt sie überwiegend Menschen bei fremdbestimmter und handwerklicher Arbeit. Nicht nur stilistisch erweist sich Schuster als vielseitig und variabel, und bei aller Ernsthaftigkeit der Sujets spürt man Verständnis und Mitgefühl für die Figuren. Heiterkeit bleibt allerdings die Ausnahme, obgleich die Arbeiten aufgrund ihrer expressiven Kraft eher wohltuend auf den Betrachter wirken.